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16 March 2012

 Rara Historica I - Autographen aus dem Hause Medici: Ein Brief des Floren- tiner Tyrannen Alessandro de' Medici (1535)

Posted in Sammlerchannel

von Ingo Fleisch

Die Medici - wie kein zweites Geschlecht repräsentieren sie Reichtum, Glanz und Macht der Renaissance. Und noch heute, gut 300 Jahre nach ihrem Untergang, besteht der Mythos dieser toskanischen Familie fort. 

Die Faszination der Medici-Geschichte gründet zu einem gut Teil auf deren kometenhaften Aufstieg: aus relativ bescheidenen Anfängen als Tuchhändler stiegen die Medici im ausgehenden Mittelalter zu unvorstellbar wohlhabenden Bankiers auf, deren Reichtum sie in der beginnenden Neuzeit zu einer der mächtigsten Familien der damaligen Welt werden ließ.
Die Medici „ kauften sich nicht nur einen Kaiser“ (so hat Günter Ogger den Titel seines bekannten Buches über das deutsche Medici-Pendant, die Fugger, sehr treffend formuliert), sondern auch Könige, Kardinalshüte und sogar den Papstthron und wurden als Fürsten der Toskana zu einem der mächtigsten Herrscherhäuser Europas.


Der familiäre Werdegang der Medici ist zugleich beispielhaft für die Wende vom Mittelalter zur Neuzeit, kennzeichnet sich diese Zeitenwende doch u.a. auch durch die stärkere Auftrennung der ehemals eng verbundenen Werte Geblüt und Kapital. War im Mittelalter noch die edle, aristokratische Herkunft vorrangig und entschied sowohl über das Ausmaß gesellschaftlicher Macht, wie, in grundherrschaftlich geprägten Strukturen, natürlich auch über den materiellen Wohlstand eines Geschlechts, so war die um 1500 anzusetzende Wende zur Neuzeit zunehmend durch den Aufstieg von Handelsimperien geprägt. Die bis in die Zeit der gegenwärtigen Finanzkrisen und wohl noch darüber hinaus das Wirtschaftsleben prägenden Bank- und Finanzgeschäfte wurden erstmals im großen, internationalen Stil von den Medici gepflegt.

Anfänglich noch in ihrer politischen und gesellschaftlichen Macht auf Florenz und die Toskana beschränkt, wurden die Medici mit Cosimo de’ Medici (1389-1464, gen. „ il Vecchio“ , der Alte), v.a. aber mit Lorenzo „ il Magnifico“ , dem Prächtigen (1449-1492) zu einem Machtfaktor europäischer Bedeutung. Lorenzos Erbe entfaltete seine ganze Tragweite im 16. Jahrhundert mit Lorenzo II. de’ Medici (1492-1519), dem Niccolò Machiavelli sein noch heute bedeutendes Werk „Der Fürst“ gewidmet hat, mit dem
Florentiner Despoten Alessandro (1510-1537) und dem nicht weniger bekannten toskanischen Großherzog Cosimo I. de’ Medici (1519-1574). Von noch größerer internationaler Reichweite war die 'Eroberung' des päpstlichen Throns durch die Medici: Der erste Papst aus der Familie bestieg 1513 unter dem Pontifikatsnamen Leo X. (1513–1521) den Petersthron, wenige Jahre später folgte ihm sein Vetter Clemens VII. (1523–1534). Verschiedene weitere Familienmitglieder erlangten im Verlauf des 16. Jahrhunderts immerhin den Kardinalsrang und konnten mit diesem großen Einfluss auf die Kurienpolitik nehmen, die natürlich nicht selten zugunsten der Familieninteressen ausfiel. Der letzte Medici, der in die höchste Führungsposition der katholischen Christenheit aufstieg, war Papst Leo XI. (1605), dessen nur wenige Wochen andauerndes Pontifikat bereits den im Sinken begriffenen Stern des ehemals so glanzvollen Hauses kennzeichnet. Den Zenit ihrer Macht erlangten die Medici in den ersten beiden Dritteln des 16. Jahrhunderts, als sie nicht nur mächtige Herrscherpersönlichkeiten in der Toskana und Päpste stellten, sondern darüber hinaus auch durch eine kluge Heiratspolitik die politischen Geschicke Europas mitsteuern konnten. So ehelichte etwa Alessandro de' Medici mit Margarete von Parma eine Tochter Kaiser Karls V. Noch weitreichender waren die Eheschließungen von Caterina de’ Medici (1519-1589) und Maria de’ Medici (1575-1642), die mit den französischen Königen Heinrich II. und Heinrich IV. vermählt waren und zeitweilig selbst als Regentinnen die französische Politik lenkten. Auf eine längere Phase des Niedergangs der Medici während des 17. Jahrhunderts folgte schließlich das Aussterben des Geschlechts im Jahr 1737.


Wir wollen uns nun jedoch der Person und dem Autograph einer der zugleich berühmtesten wie berüchtigtsten Medici-Persönlichkeiten zuwenden, einem Brief von Alessandro de' Medici aus dem Jahr 1535. Damals stand das Geschlecht auf dem Höhepunkt seiner internationalen Bedeutung: 1533 hatte Alessandros Halbschwester Caterina den französischen König geheirat, Alessandro ehelichte 1536 die Tochter des Kaisers und der Medici- Papst Clemens VII. hatte von 1523 bis zu seinem 1534, wenige Wochen vor der Niederschrift des hier vorzustellenden Briefes, erfolgten Tod als unumschränkter Herrscher die Christenheit regiert. Alessandro selbst war ein Protegé und - wie nicht unbegründet von der Forschung vermutet wird - vielleicht ein illegitimer Sohn des Papstes. Bereits 1523 hatte der Papst den jugendlichen Alessandro als Stadtherrn von Florenz installiert. Infolge der kaiserlichen Plünderung Roms (Sacco di Roma) 1527 wurden jedoch auch die toskanischen Machtverhältnisse umgestürzt und Alessandro musste für einige Jahre ins Exil. Erst 1531 kehrte der zwischenzeitlich 20jährige Alessandro nach Florenz zurück und wurde im Folgejahr von Kaiser Karl V. zum Herzog ernannt. Die nur sechs Jahre andauernde Herrschaft war, wenn wir den alten Geschichtsschreibern Glauben schenken dürfen, von beispielloser Grausamkeit, von Zügellosigkeiten und Ausschweifungen eines jugendlichen Despoten geprägt. Wie weit dieses von Alessandro und seiner Herrschaft überlieferte Bild den historischen Realitäten entspricht, ist aufgrund der zu spärlich erhaltenen authentischen Geschichtszeugnisse nur sehr schwer abzuschätzen. Sicher jedoch ist, dass sich Alessandro viele Feinde in Florenz gemacht hat: Am 6. Januar 1537 fiel er, durch die Hand seines Verwandten Lorenzino de' Medici, dem Tyrannenmord zum Opfer.

Eines der seltenen Original-Zeugnisse aus Alessandros Regierungszeit befindet sich in meinem Autographenbestand. Dieses möchte ich hier nun näher vorstellen. Wie bereits gesagt, handelt es sich dabei um einen Brief Alessandros, der vom 12. Januar 1535 datiert. Er richtet sich an den Gemeindevorstand von Castiglion Fiorentino (Prov. Arezzo), einem kleinen Ort im Herrschaftsbereich der Medici, der heutzutage v.a. als Geburtsort des Schauspielers Roberto Benigni bekannt ist. Der Inhalt des Stückes ist schnell zusammengefasst: In Anbetracht der Loyalität und des Wohlwollens, die die Gemeinde seinem Hause immer entgegengebracht habe, sei er, Alessandro, nun bereit, ihr Rechte und Privilegien zu verbriefen und fordert die Gemeinde daher auf, zu diesem Zweck speziell instruierte Abgesandte zu ihm zu senden. Die eher lapidar erscheinende Botschaft wird verständlicher, wenn man sie in Verbindung mit anderen Schreiben Alessandros für toskanische Städte sieht: So überliefern alte Geschichtschroniken recht ähnliche Briefe, etwa nach Pescia (Prov. Pistoia; der Brief ed. in: Storia della Val di Nievole dall' origine di Pescia fino all' anno 1818, Pistoia 1846, p. 429f.) und Poggibonsi (Prov. Siena; das bei Attilio Ciaspini/Antonio Lombardini, Notizie diverse per servire alla storia di Poggibonsi, Siena 1850, p. 138, gedruckte Schreiben ist bei diesen aber fälschlich zu 1534 datiert). Wahrscheinlich ist daher, dass die Schreiben in einem übergeordneten Kontext stehen. Hintergrund könnte der wenige Wochen zuvor eingetretene Tod von Papst Clemens VII., des mutmaßlichen Vaters, wichtigsten Verbündeten und Protektors Alessandros gewesen sein. Angesichts der zahlreichen Feinde, die Alessandro in seinem eigenen Herzogtum belauerten und denen er später auch zum Opfer fiel, dürfte es für den jungen Herzog nach dem Tod des mächtigen päpstlichen Schutzherrn wohl um so wichtiger gewesen sein, sich in den toskanischen Städten Verbündete zu suchen. 

Neben dem Inhalt ist auch die äußere Form des Briefes durchaus betrachtenswert, denn er spiegelt in gewisser Weise den Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit wider. Bereits in rein sprachlich- lexikalischer Hinsicht ist er auffallend: er ist zwar nicht mehr, wie es bis wenige Jahrzehnte zuvor die Regel war, in Latein, sondern bereits in Italienisch gehalten, doch handelt es sich dabei um ein noch sehr ungelenkes, archaisches Italienisch, das noch viele Einflüsse aus dem Lateinischen aufweist. Auch die Art und Häufigkeit der Abkürzungen (z. B. „p“ für „per“ ) oder Ligaturen (Buchstabenverbindungen wie „ ct“ oder „ st“ , verweisen noch auf den mittelalterlichen Briefstil und lassen einen starken Einfluss der päpstlichen Kanzlei erkennen, die in ihren Dokumenten solche Elemente ebenso aufwies wie das für mittelalterliche Papsturkunden charakteristische „Bene Valete“, das sich bezeichnenderweise auch als Abschiedsgruß in Alessandros Brief wiederfindet. 

Auch die Unterschrift Alessandros ist noch im altertümlichen lateinischen Stil gehalten („Alex[ando] Med[ici]“ ), ebenso wie auch die Umschrift seines Siegels („Alex Med Dux Florentiae“). Wer bereits einmal einen Brief von Alessandros Nachfolger Cosimo I. gesehen hat, wird sofort den deutlichen Kontrast im Briefstil bemerken können: Nicht nur unterzeichnete Cosimo in der Regel in der italienischen Form als „Il Duca di Fiorenza“ (Der Herzog von Florenz), sondern auch der Text seiner Briefe weist, nur wenige Jahre nach dem Tod Alessandros, einen klaren, flüssigen, volkssprachlichen, d.h. rein italienischen Kanzleistil auf. Anklänge an den spätmittelalterlichen lateinischen Briefstil oder auch an Kanzleigebräuche päpstlicher Dokumente, wie sie sich noch im Brief Alessandros finden, sucht man in den Schreiben seines Nachfolgers Cosimo vergeblich. Eine letzte Bemerkung sei noch zur Datierung von Alessandros Brief gemacht, die auf den ersten Blick verwirren kann, da als Jahreszahl nicht 1535, sondern „1534“ angegeben ist. Dass der Brief trotzdem nicht am 12. Januar 1534, sondern eben erst im Folgejahr ausgestellt wurde, ergibt sich aus einem, vom heutigen Usus abweichenden Jahresbeginn, der auch mittelalterliche Wurzeln hat. So war in Florenz damals, und bis hinein ins 18. Jahrhundert, der sog. „Stilus Florentinus“ (auch: „Annunziationsstil“) üblich, demzufolge das Jahr nicht, unserem heutigen Gebrauch entsprechend, am 1. Januar, sondern erst am 25. März (Mariä Verkündigung) begann. Aus diesem Grund entspricht die im Brief als „12. Januar 1534“ angegebene Datierung dem „12. Januar 1535“ unserer heutigen Zeitrechnung. Zum Abschluss sei noch kurz der Text des Dokuments wiedergegeben, zunächst im italienischen Original (mit der Auflösung der Abkürzungen in Klammern) und schließlich noch in der deutschen Übersetzung. 


Transkription

Sp[ettabi]li amici char[issi]mi

Te[n]endo io q[ue]l b[o]n co[n]to fo della antiguata benevolentia, et affectione v[ost]ra a casa mia, et essendo voi tanto pro[n]tame[n]te et volentieri concessi allo ordinatovi p[er] le passate necessita mi e parso adesso di ricordarmene et p[er]cio farvi intendere essere approposito ch[e] p[er] voi si deputi uno Amb[asciato]re bene informato d[a]lle v[ost]re exe[n]tioni <o altro> ad causa ch[e] visto et examinato t[ut]to ne possi ritornare da voi et riportarne q[ue]lla resolutione sara giudicata giustame[n]te convenirsi p[er] satisfarvene. Et Bene Valete. Flor[enti]ae XII Jan[uari] 1534
Alex[ando] Med[ici]


Übersetzung

Ehrwürdige, liebe Freunde:
Eingedenk des Wohlwollens und der Zuneigung, die ihr meinem Hause von alters her entgegenbringt, und da ihr in der Vergangenheit immer schnell und bereitwillig auf die Euch gegebenen Anordungen gehandelt habt, erscheint es mir jetzt richtig, Euch zu verstehen zu geben, dass Ihr einen über Euere Rechtstitel gut informierten Gesandten abschicken solltet, der, nach erfolgter Prüfung aller Beweisgrundlagen und gefallenem Urteil, zu Euerer Zufriedenstellung Bericht ablegen kann.


Nähere Informationen über: This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. 

Ganzer Artikel mit Abbildungen:

http://www.ada1986.de

Vereinszeitschrift, Archiv 2012